Unter dem Dehnen bzw. Stretching eines Muskels verstehen wir, diesen anhand eines mechanischen Reizes unter Zug zu bringen. Wir stellen uns vor, wir würden den Muskeln „verlängern“. Diese weit verbreitete Annahme ist aus muskelphysiologischer Ansicht jedoch mit den wirklichen Folgen des Dehnens nicht zu vereinen.

Bei einer richtigen medizinischen Dehnung erfolgt erstens keine Verlängerung des Muskels und zweitens sollte möglichst ohne Schmerz gedehnt werden. Wir erwarten eine sanfte Traktion der bindegewebigen Strukturen des Muskels und keine reflektorische Anspannung des Muskels auf Grund eines zu hohen Dehnreizes.

Die adäquate Dehnung eines Muskels bedarf gewisser Vorraussetzungen und Kenntnisse.

Als erste Vorraussetzung benötigen wir in dem zu dehnendem Gebiet eine freie Gelenkbeweglichkeit. Wollen wir zum Beispiel den großen Brustmuskel (M. pectoralis major) dehnen benötigen wir eine freie Gelenkbeweglichkeit im Schultergelenk. Des Weiteren benötigen wir ein anatomisches Wissen über die Funktion, den genauen Verlauf, sowie Ursprung und Ansatz des Muskels.

Der Dehnreiz erfolgt schließlich in entgegen der Funktion des Muskels. Nehmen wir für unser Beispiel den zweiköpfigen Wadenmuskel (M. gastrocnemius caput laterale et mediale). Dieser verläuft von den äußeren und inneren Condylen des Oberschenkelknochens (Condylus medialis et lateralis femoris) zur Verse (Calcaneus). Er hat somit die Funktion der Plantarflexion (Verse wird in Richtung Wade gezogen)

Nun, da wir den genauen Verlauf und die Funktion wissen, können wir den Muskel exakt dehnen, indem wir die Verse bei gestrecktem Kniegelenk von der Wade wegbringen.

Eine weitere wichtige Vorraussetzung für die Dehnung eines Muskels ist eine gute Durchblutung dessen. Diese ist in der Regel durch eine Aufwärmung zu erreichen.

Zuletzt dürfen wir eine sehr wichtige Vorraussetzung für die Dehnung eines Muskels nicht vernachlässigen. Es bedarf stets einer Dehnbarkeit der Synergisten (Muskeln mit gleicher Funktion), da diese in der Regel einen sehr ähnlichen Verlauf haben und die gleiche Funktion besitzen.