Um den Sinn des Dehnens genau zu verstehen benötigen Sie zunächst eine kleine Einführung in die einfache Muskellehre. Um eine Bewegung auszuführen benötigen wir einen Muskel, welcher sich aktiv kontrahiert. Dieser Muskel wird Agonist genannt. Betrachten wir nun die andere Seite der Medaille benötigen wir für diese Bewegung noch eine zweite sehr wichtige Komponente. Wir brauchen einen Muskel, welcher aktiv nachgibt, um somit die Bewegung des Agonisten nicht zu bremsen. Dieser entgegen gesetzte Muskel wird Antagonist genannt.

Am Beispiel der Beugung im Ellenbogengelenk wird dies ganz deutlich. Für die Beugung benötigen wir unter anderem den M. biceps brachii, welcher auf der Vorderseite des Oberarmes liegt. Kontrahiert sich dieser Muskel nun, muss der Gegenspieler, in diesem Falle der M. triceps brachii, welcher auf der Rückseite des Oberarmes liegt nachgeben.

Durch ein gutes Dehnen erreichen wir also ein adäquates Zusammenspiel zwischen dem Agonisten und dem Antagonisten. Ist der Gegenspieler nicht ausreichend gedehnt, kann der Agonist seine Arbeit nicht ausreichend und ökonomisch verrichten. Es würde einen zu hohen Kraftaufwand darstellen gegen einen verkürzten Muskel zu arbeiten.

Bei diesem Zusammenspiel spricht man von der. Sog. intermuskulären Koordination.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Muskeldehnung stellt die Verletzungsgefahr dar. Ein gedehnter Muskel kann ganz anders auf einen plötzlich eintreffenden Reiz reagieren, als ein ungedehnter Muskel. Der Muskel kann besser und weicher nachgeben und verhindert somit im schlimmsten Falle einen Muskelfaserriss oder gar einen Sehnenabriss.

Des Weiteren ist ein gedehnter Muskel belastbarer und kann sich schneller und stärker kontrahieren als ein ungedehnter Muskel. Physiologisch betrachtet reagiert der Muskel aus der maximalen Dehnung mit der optimalen Verkürzung. Dieser Aspekt ist für Sportler besonders bedeutend, da sämtliche Bewegungen aus der möglichst großen Dehnung starten sollten. Beispielsweise führt der Kugelstoßer seinen Oberarm nach hinten, und rotiert seinen Rumpf in die maximale Vordehnung bevor er explosionsartig die Bewegung des Stoßens ausführt.